Dienstag, 29. Oktober 2013

25% der Europäer kauften 2012 Bücher im Internet

Das ist das Ergebnis der jährlichen Eurostat-Umfrage (Statistisches Amt der Europäischen Union).

Die Luxemburger führen europaweit mit  47%, gefolgt von den Deutschen mit  41%. Am niedrigsten ist die Internetkaufrate mit rund 4% bei Lesern in Rumänien, Litauen und Bulgarien.

Quelle: THEBOOKSELLER

Samstag, 26. Oktober 2013

Smells like teenspirit

1994, im Alter von 22 Jahren, hat Stefan Kalbers mit den Arbeiten an seinem Roman "Notausgang" begonnen. 2001 erschien die Erstausgabe, im September 2013 kam es zu einer Wiederveröffentlichung beim Unsichtbar-Verlag.

Smells like teenspirit  - der Titel von Nirvana könnte das Motto des Romans „Notausgang“ sein. Denn es geht um das Lebensgefühl der 90er Jahre, um Jugendlichkeit, um Erwachsenwerden, um Orientierungslosigkeit und um Sinnsuche.

Der Autor erklärt im Nachwort die beiden wesentlichen Absichten seines Werks, nämlich 1. auf der Basis seines „damaligen Erfahrungshorizonts“ sein Lebensgefühl auszudrücken und 2. eine Standortbestimmung vorzunehmen. 



Der Ich-Erzähler hat zahlreiche Gemeinsamkeiten mit dem (damals 22-jährigen) Autor: „ Ich arbeite an der Tankstelle, damit ich geradewegs so viel Geld verdiene, um mir mein Kellerzimmer und kleine Vergnügungen leisten zu können ...“ Die beim Lesen erkannte und gefühlte Authentizität ist also erlebt und nicht erdacht.

Die Handlung ist schnell erzählt: Drei Freunde hasten zusammen – auf der Flucht vor sich selbst ? - durch einen warmen 90er-Jahre- Sommer in einer nicht genannten Stadt. Es geht rasant von Party zu Party. Der exzellente Schreibstil ist der rastlosen Handlung angepasst. Zwischen Vollrausch und exzessivem Kiffen reflektiert der Ich-Erzähler sein eigenes Leben und versucht, das Leben an sich zu ergründen. Er ist auf der Suche nach einem Lebensziel und Lebenssinn. Der Ich-Erzähler philosophiert, und er betreibt – wie im Nachwort geschrieben – Standortbestimmung. „Und zwar in erster Linie durch Abgrenzung, Ablehnung, Negation und waghalsige Behauptungen …“. Die Lebensentwürfe anderer werden seziert und verworfen, allerdings ohne einen positiven Gegenentwurf zu präsentieren. Von Angst, Schmerz und Orientierungslosigkeit überwältigt flieht er immer wieder in die Betäubung. 

Der Leser und der Ich-Erzähler erschrecken gleichermaßen vor einem massiven Gewaltausbruch des Protagonisten. Doch dieser Handlungsstrang wird nicht weiter ausgeführt. Ist das Ende des Romans eine Anspielung auf Kurt Cobains Suizid? Auch das bleibt offen.

„Notausgang“ ist ein lesenswerter Ausflug in die 90er Jahre und die eigene Adoleszenz.

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Das erste Kapitel als Leseprobe auf der Homepage des Autors: Stefan Kalbers

Vielen Dank an den Unsichtbar-Verlag für die Zusendung eines eBook-Rezensionsexemplars.

Kalbers, Stefan
Notausgang
Unsichtbar-Verlag September 2013
208 Seiten
ISBN-10: 3942920298
ISBN-13: 978-3942920292
EUR 9,99

(eBook: EURO 6,99)

Mittwoch, 16. Oktober 2013

Hassen Sie Bulgarien?

Sie vielleicht nicht, aber die Ich-Erzählerin im Roman Apostoloff von Sibylle Lewitscharoff tut dies definitiv, und zwar ganze 247 Seiten lang: Die bulgarische Sprache scheint abscheulich, das ganze Land „verbaut, verpatzt, verdreckt … Das bulgarische Essen? Ein in schlechtem Öl ersoffener Matsch … Bulgarische Kunst im zwanzigsten Jahrhundert? Abscheulich, und zwar ohne jede Ausnahme. Die Architektur, sofern nicht Klöster, Moscheen oder Handelshäuser aus dem neunzehnten Jahrhundert? Ein Verbrechen!“




Warum reist sie dann mit ihrer älteren Schwester durch Bulgarien?

Das liegt an Alexander Tabakoff, einem reichen Bulgaren, der die sterblichen Überreste von in Stuttgart verstorbenen Exilbulgaren in die alte Heimat überführen lässt. Dreizehn Limousinen fahren von Stuttgart nach Ancona, von dort mit der Fähre nach Bulgarien und weiter nach Sofia. Einer der Toten ist Kristo, der Vater der beiden Schwestern, der sich bereits vor vielen Jahren erhängt hat. Nach der Bestattung der Urnen auf dem Zentralfriedhof in Sofia beschließen die Ich-Erzählerin und ihre Schwester, noch ein paar Tage in Bulgarien zu bleiben, und Rumen Apostoloff zeigt ihnen sein geliebtes Bulgarien.

Bulgarien und Vater, das sind eins: „Vaterhass und Landhass“ gehören für die Ich-Erzählerin zusammen.

Während der Reise erfährt der Leser Details aus der bulgarischen Geschichte und Gegenwart: von der osmanischen Besatzung über das Bündnis während beider Weltkriege mit Deutschland sowie die Zerstörung des Landes durch das Sowjetsystem bis hin zu den Problemen in der postkommunistischen Ära. Gleichzeitig wird die Familiengeschichte erzählt: wie der Vater 1943 nach Deutschland kam, dort eine Schwäbin heiratete, sein Studium beendete und als Gynäkologe tätig war. Dabei geht es in erster Linie um die Abrechnung einer Tochter mit ihrem toten Vater, der überdies immer wieder geisterhaft erscheint und noch den Strick um den Hals trägt. Der Selbstmord des Vaters wird als Im-Stich-Lassen gedeutet. Und die Tochter kann ihm dies nicht verzeihen.

Sibylle Lewitscharoff offenbart in diesem Roman viel Autobiographisches: von der deutsch-bulgarischen Abstammung und der Degerlocher Kindheit über ihre eigene trotzkistische Phase bis hin zum Selbstmord des Vaters, als sie elf Jahre alt war.  Übrigens ziert der bulgarische Pass des Vaters der Autorin als Collage den Buchumschlag. 

Die Handlung läuft nicht chronologisch, die Handlungsfäden werden nicht geradlinig gesponnen. Wie zwischen den Zeitebenen springt die Ich-Erzählerin auch zwischen der Landes- und der Familiengeschichte hin und her. Durchgängig bleibt indes der satirische Grundton, der auch vor brutalem Spott und Hohn nicht zurückschreckt. Der Rezensent der Taz nennt den Sprachstil eine "Vernichtungs- und Wortmaschinerie" und hat damit meiner Meinung nach genau getroffen.

Apostoloff ist eine schonungslose Abrechnung mit Familie und Herkunftsland und geprägt von Elementen der schwarzen Komödie. Angesichts des autobiographischen Hintergrunds ist Apostoloff zugleich ein ungemein ehrlicher Roman. Die Wort- und Satzkonstruktionen sind exzellent und begeistern. Aus gutem Grund hat die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung den Georg-Büchner-Preis 2013 an Sibylle Lewitscharoff verliehen.



Lewitscharoff, Sibylle
Apostoloff
248 Seiten
Suhrkamp Verlag; 6. Auflage 2010
ISBN-10: 351846180X
ISBN-13: 978-3518461808
8,99 EURO

Dienstag, 8. Oktober 2013

PricewaterhouseCoopers legt Studie zum eBook-Markt vor

„Die Umsätze mit belletristischen E-Books in Deutschland haben sich in nur einem Jahr fast verdreifacht und konnten dabei die Verluste aus dem Printbereich vollständig kompensieren. Wir erwarten, dass die Buchbranche auch in Zukunft in den digitalen Wandel erfolgreich meistern wird.“
Werner Ballhaus, Leiter des PwC-Bereichs Technologie, Medien und Telekommunikation

PricewaterhouseCoopers, kurz PwC, eine der renommiertesten Wirtschaftsprüfungs- und Steuerberatungsgsellschaften der Bundesrepublik hat am 8.10.13 eine Studie zum Thema eBooks vorgelegt.

Hier die Ergebnisse und Prognosen im Überblick:

  • 2012 betrugen die eBook-Umsätze in den Bereichen Belletristik sowie Kinder- und Jugendbuch 144 Millionen Euro - das entspricht 3% des Gesamtumsatzes. Bis 2017, so erwartet PwC, wird der Umsatzanteil der eBooks bei 16% oder 852 Millionen Euro liegen.
  • Der klassische Buchmarkt hat auf die zunehmende Bedeutung des eBooks reagiert: Buchhandelsfillialisten bieten eBooks vor Ort, online oder via App an; zahlreiche Buchverlage produzieren digitale Bücher.
  • 13% der Befragten lesen regelmäßig eBooks, bei den Frauen sind es 15%, bei den Männern nur 9,5%.
  • Die meisten lesen eBooks auf einem eReader.
  • In der Gruppe der 31-bis 45-Jährigen finden sich die meisten eBook-Käufer.
Quelle: Pressemitteilung PwC 8.10.13 und Whitepaper PwC Media Trend Outlook eBooks



Freitag, 4. Oktober 2013

Drei Frauen – eine Insel

Bei den Recherchen zu seinem Roman „Wenn das Schlachten vorbei ist“, der auf den Kalifornien vorgelagerten Inseln St. Cruz und Anacapa spielt, stieß T.C. Boyle auf  historische Zeugnisse von Bewohnern der Insel St. Miguel. Daraus erschuf er, um dies gleich vorneweg zu sagen, einen grandiosen historischen Roman. 

Boyle sagte in einem Interview mit Der Welt: „Mein erstes Buch Wassermusik spielte während der Kolonialisierung Afrikas – es war eine postmodern zugespitzte Geschichte, die sich über historische Romane lustig machte. Mehr als 30 Jahre später habe ich jetzt mit San Miguel selbst einen realistischen historischen Roman geschrieben. Der Kreis scheint sich geschlossen zu haben.“



Es geht in St.Miguel um drei Frauenschicksale:

Im Jahr 1888 kommt Marantha, die an der „Schwindsucht“, heute Tuberkulose genannt, leidet, auf die Insel. Gemeinsam mit ihrem Mann und ihrer Adoptivtochter. Statt der erhofften Erlösung von ihrem Leiden findet sie auf der Insel nichts als harte Arbeit, schlechtes Wetter und Einsamkeit. Dazu kommt die zunehmende Entfremdung von ihrem Mann. Marantha und ihre Adoptivtochter Edith haben nur einen Wunsch, nämlich die Insel so schnell wie möglich zu verlassen. Kaum zurück auf dem Festland stirbt Marantha. Edith wird von ihrem Stiefvater gezwungen, ihre geliebte Schule aufzugeben und auf die Insel zurückzukehren, um ihm den Haushalt auf der Schafsfarm zu führen. Sie denkt Tag und Nacht an Flucht und ist bereit, dafür alles zu tun. 

Nach dem Ersten Weltkrieg kommt Elise mit ihrem Mann auf die einsame Insel. Das Leben dieser beiden ist geprägt von Liebe, Zufriedenheit und Naturbegeisterung. Zwar führen auch die beiden einen harten Existenzkampf, dennoch empfinden sie das Leben auf St.Miguel als Privileg. Das Familienglück wird durch die Geburt ihrer beiden Töchter vervollständigt. 

Die Klammer zu den Vorbewohnern wird geschickt durch eine Nebenfigur hergestellt. Ein Farmarbeiter, der bereits als junger Mann auf St.Miguel lebte, schildert, was aus Edith nach ihrer Flucht geworden ist.

Den Kampf mit einer harten, unbarmherzigen Natur und daraus resultierende völlig unterschiedliche Lebensentwürfe, hatte Boyle bereits in seinem Roman Drop City  thematisiert. St.Miguel ist vom Stoff her ähnlich verortet, jedoch ganz anders erzählt. Der geübte Boyle-Leser wird überrascht sein, denn hier nutzt der Autor einen für ihn ganz ungewöhnlichen Erzählstil: geradlinig, ruhig, langsam und dennoch spannend entwickelt er hier seine fesselnde Geschichte

Boyle selbst brachte das in dem bereits erwähnten Interview mit Der Welt auf den Punkt: „Zwei der drei von mir beschriebenen Frauen haben tatsächlich auf dieser Insel gelebt. Meine Grundlagen waren Memoiren und Tagebuchnotizen. Und es ist das erste Mal, dass ich einen Roman aus der Perspektive von Frauen erzähle. Ich wollte, dass diese Charaktere wahrhaftig wirken ...“ Und das ist ihm hervorragend gelungen: Ein lesenswerter historischer Roman. Spannend und gekonnt erzählt.

T. Coraghessan Boyle
San Miguel
448 Seiten
Carl Hanser Verlag 2013
ISBN-10: 3446243232
ISBN-13: 978-3446243231
22,90 EURO





Dienstag, 1. Oktober 2013

Tweets und Klischees - Black Box von Jennifer Egan

Eine schöne Frau mit Kamera im Auge, Schnittstelle zwischen den Fußzehen, Mikrophon hinter dem Ohr und voller patriotischer Begeisterung. Sie bezirzt irgendwo am Mittelmeer einen reichen, brutalen und mächtigen Mann, der irgendwie ein Feind ihres Landes ist. 

Die "Schönheit" ist der Zielperson sexuell zu Diensten, verschafft sich auftragsgemäß Einblick in deren Umfeld, flieht am Schluss ... Das ist die Story.



Neu ist die Form: Jennifer Egans Spionagegeschichte entstand aus jeweils 140 Zeichen langen Tweets, die zuerst bei Twitter (an zehn Abenden hintereinander im Minutentakt gesendet), dann im New Yorker und jetzt schließlich als Buch veröffentlicht wurden. Virtuos meistert die Pulitzer-Preisträgerin Jennifer Egan die formellen Vorgaben. Mit ein paar Schlüsselbegriffen und Klischees entwirft sie eine stimmige Spionagegeschichte.

Das Experiment ist gelungen: Man kann anerkennend bestaunen, dass angesichts der strengen Formvorgaben der Inhalt nicht ganz abwegig ist. Liest man den Twitter-Thriller nicht, dann hat man aber auch nichts verpasst.

Jennifer Egan
Black Box
Schöffling & Co., eBook 2013
Kindle Edition,
ca. 40 Seiten
ASIN: B00D5YHDN0
4,99 EURO (die englische Ausgabe kostet2,14 EURO)