Samstag, 28. Juli 2012

Clemens Brentano starb heute vor 170 Jahren

Clemens Brentano gehörte zum Kreis der Heidelberger Romantiker. Besonders bekannt ist seine  Volksliedsammlung "Des Knaben Wunderhorn", die von Gustav Mahler vertont wurde, und sein Gedicht "Loreley". Clemens Brentano starb am 28.7.1842 in Aschaffenburg.

Loreley

Zu Bacharach am Rheine
wohnt' eine Zauberin,
die war so schön und feine
und riß viel Herzen hin.

Und machte viel zuschanden
der Männer rings umher,
aus ihren Liebesbanden
war keine Rettung mehr!

Der Bischof ließ sie laden
vor geistliche Gewalt
und mußte sie begnaden,
so schön war ihr' Gestalt.

Er sprach zu ihr gerühret:
"Du arme Lore Lay !
Wer hat dich denn verführet
zu böser Zauberei ?"

"Herr Bischof, laßt mich sterben,
ich bin des Lebens müd,
weil jeder muß verderben,
der meine Augen sieht'

Die Augen sind zwei Flammen,
mein Arm ein Zauberstab –
schickt mich in die Flammen,
o brechet mir den Stab!"



Ausführliche Biographie: who is who

Donnerstag, 26. Juli 2012

Zweitausendeins am Ende?

Kennen Sie das Merkheft von Zweitausendeins? Diesen kleinformatigen Dünndruckpapier-Katalog mit den unzähligen Musik- und Literaturangeboten von Zweitausendeins. Gerne habe ich das Heftchen  durchgeblättert, und noch viel lieber habe ich mich im engen, vollgestellten Laden umgesehen und bei den preisreduzierten Restauflagen oder sehr günstigen Lizenzausgaben zugegriffen. Wann das war? Ich glaube,  ich war in den 90er Jahren zum letzten Mal im Zweitausendeins-Laden. Hm.

Umso nostalgischer hat es mich jetzt getroffen, als ich jetzt erfuhr, dass Zweitausendeins seine eigenen Läden an Franchisepartner abgeben will. Zweiutausendeins will zurück in die Gewinnzone und das heißt, dass der stationäre Handel in eigener Regie aufgegeben wird und man verstärkt auf den Online-shop setzt. 

Nun ja, die Franchisepartner, die man noch finden muss, werden sich mit der gleichen Kostenstruktur abmühen müssen wie der Konzern selbst. Das kann bedeuten, dass daraus nichts wird und es ab 2016, in diesem Jahr laufen die Mietverträge aus, keine Zweitausendeins-Läden mehr geben wird. Tschüss Zweitausendeins!?

Quellen und weitere Informationen: buchreport und boersenblatt

Sonntag, 22. Juli 2012

Rezension / Buchbesprechung: „Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry“ von Rachel Joyce

Die Autorin Rachel Joyce hat über 20 Hörspiele für die BBC verfasst und wurde dafür mehrfach ausgezeichnet. Auch hat sie Drehbücher geschrieben und selbst geschauspielert. „Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry“ ist ihr Erstlingswerk.

Im Mittelpunkt des Geschehens steht Harold Fry. Er ist Pensionär und hat sich sein Leben, zumindest auf den ersten Blick, zusammen mit seiner Frau Maureen übersichtlich und bescheiden eingerichtet. Da erreicht ihn der Brief seiner ehemaligen Arbeitskollegin Queenie Henessy. Sie schreibt ihm, um sich zu verabschieden, denn sie leidet unheilbar an Krebs. Obwohl er sie Jahrzehnte nicht gesehen hat, ist Harold geschockt. Queenie hatte ihm einst sehr geholfen, seine berufliche Zukunft gerettet, indem sie seine  Schuld auf sich nahm und dadurch ihre Arbeit verlor. Danach verschwand sie, und er versuchte nie, Kontakt zu ihr aufzunehmen.

Er schreibt einen Antwortbrief und weiß schon auf dem Weg zum Briefkasten, dass das nicht genug ist. Gewissensbisse quälen ihn, nie hat er seine Dankbarkeit Queenie gegenüber zum Ausdruck gebracht.

An einer Tankstelle sagt eine junge Kassiererin, der er vom Krebsleiden seiner ehemaligen Kollegin und Freundin erzählt, zu ihm: „Man muss glauben. Es geht nicht um Medizin und das ganze Zeug. […] Unser Geist ist viel größer, als wir begreifen. Wenn wir fest an etwas glauben, können wir alles schaffen.“ (S.23)

Harold beschließt, die 1000 km zum Hospiz nach Berwick upon Tweed zu Fuß zu gehen. Er ruft im Hospiz an und erklärt einer Pflegekraft: „Sagen Sie ihr, Harold Fry ist auf dem Weg. Sie braucht nur durchzuhalten. Denn ich werde sie retten, wissen Sie. Ich werde laufen, und sie muss weiterleben.“ (S.27 f) Als er einige Wochen später erschöpft aufgeben will, ruft er erneut im Hospiz an und erfährt, dass es Queenie tatsächlich besser geht, dass sie auf ihn wartet: „Ihre Heilmethode ist ziemlich alternativ […] Aber vielleicht braucht die Welt ja genau das: ein bisschen weniger Vernunft und ein bisschen mehr Glauben.“ (S.236) Also geht er weiter.



Die Wanderung ist die Rahmenhandlung, in die weitere Handlungsstränge eigebettet sind. Es geht nämlich nicht alleine um die Frage, ob Harold Queenie mit seiner Wanderung tatsächlich retten kann, es geht darum, dass Harold zu sich selbst findet. Auch begegnet er unterwegs Menschen, an deren Schicksal er Anteil nimmt. Der Leser erfährt viel über diese Menschen. Sie begegnen dem Wanderer und damit auch dem Leser schonungslos ehrlich, denn die „Menschen konnten ungezwungen mit ihm reden [… und er konnte e]in wenig von ihrer Last mitnehmen, wenn er wieder ging.“ (S.111) Diese Wanderung bringt den Pensionär immer wieder an seine physischen Grenzen, aber auch seine psychische Belastung steigt immer weiter an.

Harold stellt sich auf dem langen Weg durch England seinem eigenen Leben, und das ist der Haupthandlungsstrang dieses Buches. Unterwegs hat Harold endlich einmal Zeit für eine Reise zu sich selbst und in seine Vergangenheit. Es ist traurig, was der Leser erfährt über diesen unscheinbaren Menschen, der ein so unscheinbares Leben führt. Es kommen „Erinnerungen hoch, die er am meisten fürchtete. Sonst konnte er sie doch immer so gut unterdrücken.“ (S.157) Ein trunksüchtiger Vater, mit Depressionen aus dem Kriege heimgekehrt, eine Mutter, die den Sohn zurücklässt. Das war Harolds triste Kindheit und Jugend. Das Schweigen in seinem Elternhaus nahm er dann mit in die eigene Familie. Sein Sohn David ist ihm total entfremdet, da Harold während dessen Kindheit und Jugend nie gefühlvolle Anteilnahme am Leben seines Sohnes ausdrücken konnte. Der Heranwachsende deutete dies falsch und mied seinen Vater, ja verachtete den unscheinbaren Mann, der ihn doch - immer noch! - so sehr liebt. Nur Maureen spricht noch mit David ...

Maureen und Harold leben schon 20 Jahre mehr nebeneinander als miteinander, sie ist sogar aus dem gemeinsamen Schlafzimmer ausgezogen. Maureen gibt ihm die Schuld am familiären Desaster. Maureen nutzt die Zeit der Abwesenheit von Harold, um sich über die Vergangenheit und ihre Ehe klar zu werden. Ein für den Leser immer wieder interessanter Perspektivenwechsel. Zwei Menschen, die nebeneinander daher leben, und doch zutiefst verbunden sind und es so, wie es gekommen ist, nie gewollt haben. Beide denken an die verpassten Chancen. Harold „sah die Fehler, die Widersprüche, die falschen Entscheidungen, und konnte doch nichts dagegen tun.“ (S.193) Seiner Frau geht es genauso, so dass die anfangs kühlen Telefonate sukzessive persönlicher werden und sie ihm sogar nachreist, um ihm zu gestehen: „Ich vermisse Dich, Harold.“ (S.296) Als er, fast am Ziel angekommen, aufgeben will, ist es schließlich Maureen, die ihn zum Durchhalten motiviert. Die Distanz und die Möglichkeit der ungestörten Reflexion hat eine Versöhnung und eine Abkehr von der Entfremdung bewirkt. Die verloren gegangene Nähe ist nun wieder hergestellt.

Es ist ein trauriges Leben, über das Harold auf seiner Wanderung nachdenkt. Und der Leser ist gespannt, wie Harolds innere Reise enden wird. Dabei ist es keine spektakuläre Spannung, sondern das ganz normale Leben eines ganz normalen Menschen, das hier fasziniert. Es ist nachvollziehbar, es deckt sich mit unserer Lebenserfahrung.

Was verbindet Harold mit Queenie? Wird er sie lebend antreffen? Was hat es damit auf sich, dass er seit 20 Jahren keinen Kontakt zu seinem Sohn mehr hat? Kann der die Beziehung zu seiner Frau heilen und erneuern? Wen treffen wir gemeinsam mit Harold auf dem Weg der Selbsterkenntnis? Das sind die Fragen, die sich der Leser immer wieder stellt. Erst am Ende des Buches, in einem langen Brief an das junge Mädchen von der Tankstelle, erfahren wir das ganze Ausmaß dieser familiären Tragödie. Mit diesem Brief geht das Tankstellen-Mädchen zu Maureen, so dass der Leser die Ereignisse auch aus ihrer Perspektive kennen lernt.

Es ist unvermeidlich, dass die Presse sich des Themas annimmt. Ganz England kennt bald Queenie und Harold. Die Folge: Zu Harold stoßen Mitwanderer, und die Gruppe wird nun überall erwartet. Aber auch Konflikte innerhalb der Gruppe bleiben nicht aus, so dass Harold nicht unglücklich ist, dass auch diese Episode eines Tages vorüber ist und er sich wieder alleine auf den Weg machen kann: „Es war für Harold eine Erleichterung, wieder alleine zu laufen. [… E]s gab keine Diskussionen, keine Streitereien. […] Maureen, Queenie und David waren seine Begleiter.“ (S.315) Gerade an dieser Stelle wird offenbar, dass die Autorin hier wohl eine Idee aus dem Film „Forrest Gump“ entlehnt hat.

Zwei Jahrtausende war das Pilgern eine religiöse Verpflichtung, mit Beginn der Neuzeit verlor diese Tradition an Bedeutung. In den letzten Jahren gibt es eine Renaissance (ein prominentes Beispiel: Hape Kerkeling). Die Motivation der Wandernden ist sehr heterogen. Die wenigstens begeben sich auf eine klassisch-religiöse Wanderung, sondern eher, wie Harold Fry, auf eine Reise zu sich selbst. Immer wieder wird im Buch deutlich gesagt, dass es keinen religiösen Hintergrund gibt. Es geht um das Wandern, das Alleine-Sein und das Zeit-Haben. In der freien Natur werden auch die Gedanken frei und die Konventionen oder besser: Blockaden fallen ab. So verschenkt auch Harold ungefähr auf halbem Weg alles, was er hat, schickt seine Kreditkarte an seine Frau und verlässt sich auf die Hilfsbereitschaft seiner Mitmenschen. „Er erzählte die Geschichte von Queenie und dem Tankstellenmädchen und bat Fremde, ob sie so gut wären, ihm zu helfen. Als Gegenleistung hörte er ihnen zu.“ (S.245)

„Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry“ ist eine zutiefst traurige Geschichte, die einem in ihren Bann zieht. Man lernt die Protagonisten auf ihrem Weg tatsächlich kennen und schätzen. Es sind lebendige Figuren, die einem nahe kommen wie wirkliche Menschen. Ich wollte stets wissen, wie es weitergeht und wie es ausgeht, ob es zur Versöhnung kommt.

Die Sprache ist schlicht literarisch und sehr überzeugend. Die Autorin hat sich entschieden, diese traurige Geschichte in einer nicht zu emotionalen, sondern einer sachlich-beschreibenden Diktion zu erzählen. Rachel Joyce ist auch die Gratwanderung gelungen, nicht zu viel Distanz und nicht zu wenig Nähe zu den Protagonisten entstehen zu lassen. Ein professioneller Umgang mit Sprache! Kurze Sätze, keine Verschachtelungen, treffende und knappe Beschreibungen, kein intellektueller Gestus – kurzum, einfach gut lesbar.

Es ist ein wahrhaftiges Buch. Die Autorin hat ihre eigene Traurigkeit in das Werk übertragen, deshalb erscheint beim Lesen alles so real, so nachvollziehbar. Als Rachel Joyce diesen Roman schrieb, rang ihr krebskranker Vater in einem Hospiz mit dem Tod. Sie sagte in einem Interview mit The Guardian: „Im Nachhinein betrachtet, war das Buch der Versuch, meinen Vater am Leben zu halten.“ Kurz vor der Fertigstellung des Romans ist er gestorben. (Zitiert nach: The Guardian)


Joyce, Rachel
Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry
378 Seiten
Fischer Verlag 2012
ISBN: 978-3-8105-1079-2
Hardcover 18,99 €



Samstag, 21. Juli 2012

GASTBEITRAG von Carsten Behrendt: Rezension / Buchbesprechung Der Junge im gestreiften Pyjama von John Boyne

Zum amazon-shop? 
Auf die Abbildung klicken ...
Schon lange wollte ich dieses Buch lesen, weil es mir schon mehrmals empfohlen wurde und ich schon viel Gutes über dieses Buch gelesen habe. Die Vorfreude und die Erwartungen waren groß, vielleicht auch schon zu groß. Denn wenn die Erwartungen hoch sind, entsteht schnell die Gefahr, dass man enttäuscht wird. Und so ist es auch gekommen, ich wurde ziemlich enttäuscht! Aber der Reihe nach.

Bruno zieht mit seiner Familie nach Auschwitz, da sein Vater als Kommandeur die Aufsicht über das Konzentrationslager übernommen hat. Bruno ist von diesem Umzug von Berlin nach Aus-Wisch, wie er es immer nennt, nicht begeistert, denn er muss Freunde und seine Großeltern zurücklassen. Außerdem wohnt er jetzt nur noch in einem dreistöckigen Haus und das Haus in Berlin hatte fünf Stockwerke. Es gibt auch keine Kinder mit den er spielen kann, obwohl, wenn er aus seinem Fenster sieht, hinter dem großen Zaun, doch so viele rumlaufen und alle so bequeme Pyjamas anhaben (sagt Bruno). Auf seinen nachmittäglichen Erkundungsgängen trifft er eines Tages einen Jungen am Zaun und trifft sich von nun an fast täglich mit ihm. Schmuel, so wie Bruno den Jungen nennt, erzählt ihn vom Leben auf seiner Seite des Zauns. Bruno ist aber zu naiv und, ich würde mal sagen, einfach zu dumm, um zu begreifen, was sich hinter dem Stacheldraht eigentlich abspielt. Denn hinter dem Zaun befinden sich keine Cafés und Gemüsehändler, wie in Berlin.

So viel zur groben Beschreibung der Handlung. Und jetzt das große Problem, das ich mit dem Buch habe. Bruno ist 9 Jahre und sein Vater ein Obernazi. Es kann nicht sein, dass Bruno von Adolf Hitler, den Juden und der gesamten Propaganda nichts mitbekommen hat bzw. nichts weiß. Es scheint, als ob John Boyne an dieser Stelle einfach nur schlecht oder gar nicht recherchiert hat. Mit der Wirklichkeit hat das Ganze absolut nichts zu tun und das finde ich bei diesem Buch schon fast gefährlich.

Brunos angebliche Naivität ist einfach nur Dummheit. Er spricht ständig Namen falsch aus: Aus-Wisch, Schmuel und der Furor. Den Furor scheint der Sohn eines Nazikommandanten und wohnhaft in Berlin nicht zu kennen. Waren Bilder vom Furor nicht in jedem Klassenzimmer der damaligen Zeit anzufinden? Den Furor und diese blonde Frau lernt er bei einem Abendessen im Haus seiner Eltern kennen. Kurz danach steht der Umzug der Familie nach Aus-Witsch an. Bruno weiß nichts über Juden, warum sie hinter den Zaun gefangen gehalten werden und was Polen ist, in dem Land er sich gerade befindet. Diese „Naivität“ ist einfach zu viel und wird, erzählerische Freiheit mal außen vor, mit jeder Seite abstruser. Klar kann man hier argumentieren, dass durch die naiven Augen von Bruno der Leser die grausame Welt des Nationalsozialismus und des Holocaust kennenlernen und entdecken soll, aber meiner Meinung nach hat sich der Autor hier gehörig verzettelt.

Die Gespräche zwischen Bruno und Schmuel spieglen nur in den Zwischentönen die Grausamkeit von Auschwitz wieder, und auch hier lässt sich argumentieren, dass das Buch sich an Kinder wendet und diese nicht mit dem Holzhammer an das Thema herangeführt werden sollen. Aber so wie John Boyne es hier versucht, funktioniert es meiner Meinung nach nicht, den Tatsachen sind Tatsachen. Positiv anmerken möchte ich, dass das Buch Raum für Diskussionen über literarische Stilmittel lässt. Zum Beispiel kann man Bruno als Metapher für die angeblich nichtwissenden Deutschen verstehen, die nichts mitbekommen haben, während sie aus dem Fenster auf das Lager schauen konnten. Diese Diskussion möchte ich an dieser Stelle aber nicht weiter ausführen. Und ich bin überzeugt, dass 12-15 Jährige, für die dieses Buch gedacht ist, auch nicht ohne Anleitung auf diese Gedanken kommen werden. Ich kann dieses Buch nicht empfehlen und bin froh, dass ich es vor meinen Kindern gelesen habe, denen ich das Buch jetzt nicht mehr geben werde. Dann doch lieber „Das Tagebuch der Anne Frank“ oder „Damals war es Friedrich“.

Boyne, John
Der Junge im gestreiften Pyjama
Fischer Schatzinsel 2012
272 Seiten
ISBN-10: 3596806836
ISBN-13: 978-3596806836
Empfohlenes Alter: 12 - 15 Jahre
Taschenbuchausgabe 7,95 €

Carsten Behrendt, Mülheim an der Ruhr, im Juli 2012


Freitag, 20. Juli 2012

GASTBEITRAG von Katrin Hirsch: Rezension / Buchbesprechung Die Bibel nach Biff von Christopher Moore

Die Bibel nach Biff - Ein Buchkommentar

Die Bibel nach Biff von Christopher Moore erschien im Dezember 2002 in Deutschland und ist ein 573 Seiten starker Roman, der für viel Wirbel und spannende Diskussionsrunden sorgen kann. Wer den Humor von Christopher Moore kennt, der weiß um seinen sowohl schamlosen als auch anspruchsvollen Stil. Er gibt einem nicht nur zu lachen, sondern auch Stoff zum Nachdenken.

Zum amazon-shop?
Auf die Abbildung klicken ...

Levi bar Alphaeus war der beste Freund von Jesus und wird nun durch den Erzengel Raziel von den Toten zurückbeordert, um seine Perspektive bezüglich des Lebens und Wirkens Jesu niederzuschreiben, da er ja mit ihm aufgewachsen ist. „Weil es nach Erdbewohnerzeit eine Art Jubiläum der Geburt des Sohnes gibt, und er das Gefühl hat, es sei an der Zeit, die ganze Geschichte zu erzählen“, lautet die Begründung von Erzengel Stephan, der den Auftrag an Erzengel Raziel weitergibt. „Er“ ist in dem Fall Jesus selbst.

Religion aus einem anderen Sichtwinkel

Levi bar Alphaeus den man auch Biff nennt, hat an der Seite Jesu quasi alle möglichen Fehler gemacht, die Kinder und junge Menschen eben im Laufe ihrer Entwicklung machen. Es hat im Verlauf des Romans den Anschein, als würde er diese Fehler für beide begehen, da Jesus selbst diese nicht oder kaum macht.

Das Buch zeigt ganz klar Religion mal aus einem anderen Sichtwinkel. Nämlich der menschliche Aspekt mit all seinen Emotionen und Katastrophen. Es gibt fantasievolle Antworten auf viele Fragen: „Wie funktioniert wohl der Himmel?“ oder „Wie sehr Kind war Jesus? Und was war um ihn rum los?“ Christopher Moore war sich aber auch der Gratwanderung bewusst, die er beging. So ist er in dem Epilog des Buches darauf eingegangen und richtet seine Worte direkt an den Leser.

Und bei all dem hier aufgeführten Ernst ist es zum Kreischen komisch und wortgewandt geschrieben. Man möchte nicht aufhören weiterzulesen, so sehr zieht einen der Wortfluss in seinen Bann. Egal, wo man liest, die Lachsalven werden mit einem sein. Und wenn das Buch zur Seite gelegt wird und im Kopf Stille einkehrt, fängt man an, darüber nachzudenken.

Moore, Christopher
Die Bibel nach Biff - Die wilden Jugendjahre von Jesus, erzählt von seinem besten Freund
Goldmann Verlag München 2002
ISBN 3-442-54182-4
574 Seiten
10,90 € Taschenbuch

Weiterführende Informationen:  Literaturtipp und Wikipedia zu Christopher Moore

Katrin Hirsch, 16.7.12

Mittwoch, 18. Juli 2012

Schreibwettbewerb Regio-Romantik-Kurzgeschichten

Das Self-Publishing-Portal neobooks und audio media haben einen Schreibwettbewerb ausgelobt und suchen die besten Regio-Romantik-Kurzgeschichten. Die Gewinner erhalten u.a. Verlagsverträge für die Veröffentlichung ihres Buches.

Zwischen dem 23. Juli und 23. August 2012 können Autoren regionale "Freche-Frauen-Stories" unter der Kategorie "Special: Stadt, Land" und dem Tag "Stadt, Land" auf www.neobooks.de hochladen. Der Umfang soll bei 15.000 - 20.000 Zeichen inklusive Leerzeichen liegen. Nach dem Einsendeschluss sichtet eine Jury alle Beiträge und wählt die besten zehn Geschichten aus. Die Bekanntgabe der Gewinner findet Mitte September auf neobooks.de, unter audio media.de und auf den Portalen der anderen Medienpartner statt.

Viel Spaß und viel Erfolg!

Zur Pressemitteilung von neobooks und audio media geht es hier

Montag, 16. Juli 2012

Random House in 2012 auf Erfolgskurs!

Random House ist erfolgreich in das Jahr 2012 gestartet. Die aktuellen Bestseller-Erfolge und das weiter wachsende Geschäft mit eBooks.

Markus Dohle, Chairman und CEO Random House, sagte im Interview mit dem Magazin new business:

"Das laufende Geschäftsjahr entwickelt sich für Random House weltweit sehr erfolgreich. Ein Grund liegt in den hohen Verkäufen der 'Fifty Shades'-Trilogie in den USA und Großbritannien. In Deutschland wird der erste Band dieses Bestsellers im Juli veröffentlicht. Zusätzlich haben wir in Deutschland weitere erfolgreiche Titel im Program wie Joachim Gauck 'Winter im Sommer – Frühling im Herbst' oder Jonas Jonasson 'Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand'. Auch der Herbst sieht vielversprechend aus mit Salman Rushdies Autobiografie 'Joseph Anton', John Grishams 'Verteidigung' oder Stephen Kings achtem Roman seines großen Endzeitepos um den Dunklen Turm, 'Wind'."

Laut der Berner Zeitung von Anfang Juli wurde "Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand" 2 Millionen Mal verkauft, davon eine halbe Million Mal auf Deutsch.

Diese gut lesbare Mischung aus Roadtrip, Umdeutung der Weltgeschichte, Groteske, Kriminal- und Schelmenroman findet sich meiner Meinung nach aus gutem Grund auf allen Bestsellerlisten! 

Zur Rezension zu  "Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand":  hier klicken!

Hermann Hesse - Superstar - heute im SWR-Fernsehen!

Hermann Hesse - Superstar - heute um 21.45 Uhr im SWR Fernsehen:

"Hermann Hesse liest man nicht einfach so: Hermann Hesse ist eher eine Erfahrung als eine Lektüre. Udo Lindenberg hat seinem Idol einen Song gewidmet und exklusiv für die ARD-Hesse-Verfilmung "Die Heimkehr" aufgenommen. Er erinnert sich: "Ich dachte: Wie kann der über mein Leben schreiben? - Ja, das war genau meine Story. Ich mein, der kennt mich ja gar nicht. Aber ich sah diese Parallelitäten, hab mich darin total wiedergefunden." - So wie Udo ging es auch anderen Künstlern und Prominenten, die in der Dokumentation zu Wort kommen. 

Der Hesse-Darsteller August Zirner, der ARD-Literaturkritiker Denis Scheck, Konstantin Wecker, Peter Härtling. Und noch vielen Millionen Menschen überall auf dem Planeten! - Hermann Hesse, Nobelpreisträger von 1946, ist mit über 100 Millionen Gesamtauflage nicht nur weltweit der meist gelesene deutschsprachige Autor aller Zeiten, sondern mit Karl Marx vielleicht auch der folgenreichste. 

Ein New Yorker Beatnik der ersten Stunde verfilmte seinen Roman "Siddhartha", der für eine Generation zum Reisebegleiter für jeden Indien-Trip wurde. Die amerikanischen Hippies in San Francisco entdeckten Hesse für sich und machten aus dem entlegenen deutschen Dichter einen Popstar und Guru. Sie benannten Bands nach ihm ("Steppenwolf") und beschlossen, ihr Leben und das Schicksal des Planeten Erde zu ändern. Bis heute verbinden viele Millionen Menschen mit Hermann Hesse eine erste oder prägende Leseerfahrung. 

Die Dokumentation begibt sich auf die Hesse-Spur dieser Menschen und zugleich auf die Spur des Autors, der es wie kein anderer geschafft hat, zum Vorbild zu werden.

Wiederholung: am 09.08.2012, 19.30 Uhr auf 3sat"

Zitiert nach: swr.de


Sonntag, 15. Juli 2012

Gestorben am 15.7.1929: Hugo von Hofmannsthal

Hugo von Hofmannsthal wurde am 1.2.1874 als Bankierssohn in Wien geboren. Er war befreundet mit Arthur Schnitzler und Stefan George. Ab 1906 arbeitete er mit Richard Strauss zusammen, der seine Operntexte, wie zum Beispiel "Der Rosenkavalier", vertonte. Hoffmannsthal machte sich als österreichischer Lyriker, Erzähler, Essayist und Dramatiker einen Namen.

Nach dem Vorbild spätmittelalterlicher Mysterienspiele schrieb er das Stück "Jedermann. Das Spiel vom Sterben des reichen Mannes", das am 1. Dezember 1911 uraufgeführt wurde. 


Quelle: YouTube Jedermann, Salzburg 2010,  127 Minuten



Quelle und weiterführende Informationen: Projekt Gutenberg

Samstag, 14. Juli 2012

Rezension / Buchbesprechung: Joseph Fouché, Bildnis eines politischen Menschen von Stefan Zweig

 Joseph Fouché, Gemälde 18. Jhd.
Quelle: wikimedia commons
Stefan Zweig (1881 bis 1942) war einer der bedeutendsten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Insbesondere die „Schachnovelle“ und die historischen Biographien bzw. historischen Erzählungen, wie „Marie Antoinette“, „Joseph Fouché“, „Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam“ oder „Sternstunden der Menschheit“, werden noch heute gelesen. 

Seine romanhafte Biographie des Joseph Fouché ist das schon sprachlich eindrucksvolle Portrait eines politischen Opportunisten. Stefan Zweig erzählt in dem 1929 veröffentlichen Werk, wie Joseph Fouché als Abgeordneter der Nationalversammlung für die Hinrichtung Ludwig XVI. stimmt, als Revolutionär traurige Berühmtheit als Schlächter von Lyon erlangt, dem Direktorium und Napoleon als Polizeiminister dient und schließlich wiederum die Seiten wechselt und Ludwig XVIII. unterstützt.

Stefan Zweig schildert, wie Fouché „im psychologischen Zweikampf einen Napoleon und einen Robespierre besiegte“ (Vorwort), und wie er maßgeblich zu deren Sturz beitrug. Das ist keine Heldenbiographie, sondern die Lebensgeschichte eines Intriganten, der keine persönliche Loyalität und keine politische Überzeugung kennt. Beschrieben wird er vom Autor folgendermaßen: „ … fischhaft kalt die Augen unter schweren, fast schläfrigen Lidern, die Pupillen katzengrau wie kugeliges Glas. …. auch seelisch gehört er zur Rasse der Kaltblüter. Er kennt keine groben mitreiβenden Leidenschaften, ist nicht zu Frauen getrieben und nicht zum Spiel, er trinkt keinen Wein, er freut sich nicht an der Verschwendung, er läβt seine Muskeln nicht spielen, er lebt nur in Zimmer zwischen Akten und Papieren.“ (1. Kapitel)

Stefan Zweig erläutert selbst, warum er die Biographie eines solchen Opportunisten ohne jeglichen sympathischen Wesenszug schrieb: „Es kostet einige Anstrengung, sich vorzustellen, daß der gleiche Mensch, mit gleicher Haut und gleichen Haaren 1790 Priesterlehrer und 1792 schon Kirchenplünderer, 1793 Kommunist und fünf Jahre später schon mehrfacher Millionär und abermals zehn Jahre später Herzog von Ottanto war. Aber je verwegener in seinen Verwandlungen, umso interessanter trat mir der Charakter oder vielmehr Nichtcharakter dieses vollkommensten Machiavellisten der Neuzeit entgegen, immer anreizender wurde mir sein ganz in Hintergründe und Heimlichkeiten gehülltes politisches Leben, immer eigenartiger, ja dämonischer seine Natur.“ (Vorwort) Es fasziniert Stefan Zweig, wie solche „Hintergrundgestalten“ den Lauf der Dinge, das „Weltschicksal“ bestimmen und selbst einen Napoleon manipulieren.

Es mag am Zeithorizont des Autors, der sich 1942 aus Verzweiflung über den Verlauf des 2. Weltkriegs das Leben nahm, liegen, dass er Joseph Fouché für den vorherrschenden Politikertypus hielt.

Fazit: Die eindrucksvolle Sprachgewalt des Autors, die spannende Geschichte als solche und das Erstaunen über den Antihelden und dessen Wandlungen garantieren ein grandioses Leseerlebnis.

Zweig, Stefan
Joseph Fouché, Bildnis eines politischen Menschen von
Fischer 2010
288 Seiten
ISBN-10: 3596219159
ISBN-13: 978-3596219155
Taschenbuch 9,95 EURO

Freitag, 13. Juli 2012

Rezension / Buchbesprechung: Wahre Geschichten aus dem Mittelalter von Arnold Esch

Arnold Esch, Professor für Mittelalterliche Geschichte und bis zu seiner Emeritierung Direktor des Deutschen Historischen Instituts in Rom, hat für dieses Werk „33.000 Gesuche von Petenten aus den Territorien des Reiches, die [… ] in den Jahren 1431 bis 1503 in den Supplikenregisterbändchen der Pönitentiarie […] registriert wurden“ (S.12), ausgewertet. Die Sacra Poenitentiaria Apostolica war das oberste päpstliche Buß- und Gnadenamt, das Bittsteller, die entsprechnde Gesuche einreichten, von den Vorschriften des Kirchenrechts befreien konnte.(S.11)


Quelle Video: YouTube. Arnold Esch spricht über sein Buch "Wahre Geschichten aus dem Mittelater"

Es geht also bei dieser Quelle um „Abweichungen vom normalen Verhalten, verbotene Liebe, Mißgeschicke, Unfälle, Kummer und Depression“ (S.14). Ausdrücklich will der Autor keine Alltagsgeschichte, keine „Geschichte von unten“ vorlegen, sondern „Streiflichter auf unscheinbares Leben, Szenen menschlichen Verhaltens“ (S.15 und 16). Fast alle Eingaben wurden von einer alphabetisierten Elite verfasst, und zwar von Theologen oder Aristokraten. Dessen sollte man sich bei der Lektüre auch immer bewusst sein

In der Buchbeschreibung auf der Umschlagrückseite heißt es: „In diesem Buch erzählen Menschen des Mittelalters aus ihrem Leben, ja ganze Lebensgeschichten …“ Das konnte ich bei der Lektüre nicht nachvollziehen, da die meisten Geschichten nicht länger als vier bis fünf Zeilen sind. Besonders das erste Kapitel „Lebensalter und Lebenslagen in Einzelschicksalen“ (S.26 bis 50) stellte meine Bereitschaft zum Weiterlesen angesichts der Aneinanderreihung von allerkürzesten Einzelschicksalen auf eine harte Probe. Im nächsten Kapitel, „Gesellschaft“, gibt es dann die ersten längeren Zitate. Als stören empfand ich auch die lateinischen Originalzitate im Text. Sicherlich für den professionellen Mittelalterhistoriker interessant, wie der Autor die eine oder andere Sentenz übersetzt hat, für den Laien mit der Intention, hier ein Eindruck vom mittelalterlichen Leben zu erhalten, jedoch weniger relevant.

An manchen Stellen erfährt man interessante Details, die nicht zum Allgemeinwissen über das Mittelalter gehören: z.B. dass Kleriker oft den Arztberuf ausübten (S.62) oder dass man schon Kinder zu Handlangern bei Hinrichtungen machte (S.72 ff) oder Ausführungen zum adeligen Selbstverständnis (S.112) oder Erstaunliches zum mittelalterlichen Seeräuberunwesen in der Ostsee (S.120). Aber diese Stellen sind äußerst rar.

Eine allgemeine Einsicht erhält man bzw. wird, da nach meiner Einschätzung meistens bereits vorhanden, dem Leser bestätigt: Angesichts der Fülle der Angelegenheiten, in denen man um päpstliche Gnade nachsuchte, erscheint immer wieder die Allmacht, d.h. die alle Lebensbereiche durchdringende Macht der mittelalterlichen Kirche. Man sieht auch deutlich, wie gefährlich es für die Menschen war, von den Normen dieser Institution abzuweichen.

Fazit: Das Buch ist für den in mittelalterlicher Geschichte versierten Fachmann interessant, da es auf bisher kaum genutztes Quellenmaterial zurückgreift und Detaileinsichten in mittelalterliche Gedanken- und Lebenswelten bietet. Für den interessierten Laien mit eher geringen Kenntnissen mittelalterlicher Historie bietet es keinen wirklichen Erkenntnisgewinn. Auch zeigt der Schreibstil, dass hier ein wissenschaftlicher Autor am Werk ist, kein Unterhaltungsschriftsteller.

Herzlichen Dank an den Verlag C.H.Beck für die Überlassung eines Rezensionsexemplars!

Esch, Arnold
Wahre Geschichten aus dem Mittelalter: Kleine Schicksale selbst erzählt in Schreiben an den Papst
Beck 2012
223 Seiten
ISBN-10: 3406630952
ISBN-13: 978-3406630958
12,95 EURO

Self-Publishing mit CreateSpace – ein Erfahrungsbericht!

CreateSpace, ein Unternehmen von amazon, bietet seit dem 17.5.12 auch Autoren in Deutschland an, ihre Bücher in die Plattform einzustellen und als Print on Demand europaweit über amazon.co.uk, amazon.de, amazon. fr, amazon.es und amazon.it zu vertreiben. Die Rechte für die Werke bleiben dabei bei den Autoren.

Über die CreateSpace-Seite bereiten die Autoren ihr Buch für das Print on Demand-Verfahren selbst vor. Hierfür bietet CreateSpace einige leicht nutzbare und kostenfreie Online-Tools. 


Das Procedere bei CreateSpace im Detail


Mit eMail-Adresse und Passwort lässt sich im Handumdrehen ein neuer Account für CreateSpace erstellen, denn die Amazon- oder Kindle Direct Publishing-Konten reichen  nicht aus. Dann geht es los: Buch-Projekt anlegen, und Schritt für Schritt das eigene Buch für die Veröffentlichung vorbereiten.
CreateSpace - empfehlenswert für Selfpublisher.

Zuerst gibt man den Titel ein und macht Angaben zum Autor. Eine ISBN erhält man automatisch. Ein Beschreibungstext und Angaben zum Autor sollten bereits vorbereitet sein. Nach Aufforderung kann man diese dann in das hierfür vorgesehene Feld „Description“ kopieren. Das Projekt kann jederzeit, in jedem Bearbeitungszustand gespeichert und zu einem beliebigen Zeitpunkt wieder aufgenommen werden.

Absatzkanäle wählen


In weiteren Schritten werden die Absatzkanäle angegeben – CreateSpace eStore, Amazon.com und Amazon.Europe sind gratis. Der Vertrieb über den Buchhandel wird für Deutschland (noch?) nicht angeboten, leider. Es müssen schließlich noch Preise festgelegt und die eigene Bankverbindung hinterlegt werden. Bei der Preisgestaltung ist der Listenpreis anzugeben, es gibt abhängig von der Seitenzahl Grundpreise, auch sollte die deutsche Mehrwertsteuer bei der Preisgestaltung berücksichtigt werden. Das habe ich versäumt, des halb der "krumme" Preis von € 10,69 für mein Buch: Vom Niger zum Benue: Abenteuer in der deutschen Kolonie Kamerun

Formatieren


Den Buchinhalt selbst sollte man bereits in einer Word-Datei äußerst gewissenhaft, d.h. druckfähig (inkl. orthographischer und grammatikalischer Prüfung), bearbeitet und vorliegen haben. Um diese Word-Datei in das von CreateSpace empfohlene Format zu bringen, bietet CreateSpace downloadbare Templates an. Einfach den eigenen Text in die Formatdatei kopieren, schon passt es. Schließlich muss die Word- in eine PDF-Datei konvertiert werden. Diese sollte man abschließend mit größter Sorgfalt auf Umbrüche etc. prüfen, denn genau so wie die PDF-Datei wird auch das gedruckte Buch aussehen. Es gibt noch andere Möglichkeiten, die PDF-Variante erschien mir allerdings am einfachsten, da man hier bereits sehr früh eine fixe Formatierung vorliegen hat. Ist alles o.k., lädt man das „interior file“ hoch. 

Umschlag gestalten


Mit dem Programm CoverCreater erstellt man seinen eigenen Umschlag. Titel, Autor, das alles zieht sich das Tool aus den bereits gemachten Angaben. Es werden immer wieder kostenpflichtige Services, wie z.B. die Covergestaltung angeboten. Die Motiv- und Layoutauswahl in der Gratis-Version ist m.E. ausreichend. Auch kann man eigene Umschlagentwürfe hochladen, muss aber dabei die technischen Vorgaben beachten. Der EAN-Code wird vom CreateSpace-Team eingefügt. Es besteht auch die Möglichkeit, auf der U4 ein Autorenbild und einen Kurztext unterzubringen. Das Tool zur Umschlagerstellung lässt sich m.E. einfach und komfortabel bedienen.

Überprüfung und Freigabe


Sind Cover und Inhalt hochgeladen, prüft man im File Review-Modus erneut, ob alles so ist, wie man es haben will. Ist man zufrieden, gibt man das Buch zur Prüfung durch CreateSpace frei.

Ca. ein Tag später sollte einem folgende eMail erreichen: „Congratulations your files are printable! We've reviewed the interior and cover files for …. and they meet submission requirements. The next step in the publishing process is to proof your book: …” Über einen Link kommt man zur allerletzten Prüfung. Immr noch alles in Ordnung? Dann einfach auf den “Freigabe-Button” drücken.

Wenn folgender Text erscheint, ist es geschafft: „PROOF APPROVED: Congratulations! You have completed the proofing step and your book is ready to be sold.” 5 bis 6 Werktage später ist es in den amazon-shops zu finden. Weitere drei Tage hat es gedauert, bis die Beschreibungstexte und die Angaben zum Autor bei amazon erschienen. Nach ca. 2 Wochen stand die „Blick ins Buch“-Funktion zur Verfügung. Create Space bietet an, gegen Gebühren das Buch auch als Kindle eBook zu erstellen und bei amazon zu verkaufen. Wer es geschafft hat, die Druckversion selbst zu kreieren, der kommt auch mit den KDP-Tools zurecht (zumal hier alles auch in deutscher Sprache erklärt wird, während es für CreateSpace nur  englischsprachige Anleitungen gibt), und kann darauf verzichnten.

Druckqualität und Lieferzeit


Eine Testbestellung hat gezeigt, dass auch der Vertrieb und die Druckqualität stimmen! Das Buch wurde am zweiten Tag nach der Bestellung geliefert, also im üblichen Lieferzeitraum von amazon. Die Druckqualität des Paperback ist sehr gut.

Fazit


Einfache Benutzerführung, intuitiv nutzbare Tools, alles gratis und schnelle Umsetzung. Eine sehr gute Alternative zu allen kostenpflichtigen Angeboten. Ich bin sehr zufrieden mit dem Ergebnis und würde es jederzeit wieder machen.

Mittwoch, 11. Juli 2012

J.K. Rowlings neuer Roman: Deutscher Titel und Cover sind jetzt fertig!

Der Carlsen Verlag macht es spannend. Bis zur Veröffentlichung unterliegt das 600-Seiten-Manuskript von J.K. Rowlings erstem Roman für Erwachsene, der am 27.September 2012 in Deutschland unter dem Titel "Ein plötzlicher Todesfall" (Originaltitel: The Casual Vacancy) erscheinen wird, absoluter Geheimhaltung. Die deutschen Übersetzer müssen in London arbeiten, weil das Original nur in den Räumen des englischen Verlages zugänglich ist. Neben dem deutschen Titel wurde jetzt auch der Umschlagentwurf veröffentlicht.





Spannungsbogen aufbauen, Schritt für Schritt neue Informationen veröffentlichen und so die Spannung halten, gleichzeitig auf die Geheimhaltung hinweisen - so garantiert das Marketing einen erfolgreichen Start des zukünftigen Bestsellers.

Mal sehen, ob die Autorin und der Verlag an den Erfolg der Harry Potter-Bücher anknüpfen können. Diese sind zwischen 1998 und 2007 bei Carlsen erschienen und wurden alleine im deutschsprachigen Raum über 30 Millionen Mal verkauft. Weltweit waren es 450 Millionen Exemplare.


Montag, 9. Juli 2012

Das eBook als Big Brother???

Unter dem Titel “Your E-Book Is Reading You” warnt THE WALL STREET JOURNAL vor dem Datenhunger der eBook-Anbieter.

Früher war es für die Autoren und die Verlage ein Geheimnis, was der Käufer mit seinem Buch nach dem Kauf anstellte: Lesen, weglegen und vergessen, Kapitel überspringen? Das hat sich laut THE WALL STREET JOURNAL heute grundlegend gewandelt: Amazon, Apple und Google, die Hauptakteure im eBook-Geschäft, können durch die Rückmeldungen der Apps auf den Lesegeräten nun nachvollziehen, wie weit der Leser bei der Lektüre kommt, wie viel Zeit er mit Lesen verbringt und welche Suchbegriffe er verwendet, wenn er neuen Lesestoff sucht.

Ein Beispiel: Barnes & Noble habe – so THE WALL STREET – durch die Auswertung der Nook-Daten festgestellt, dass belletristische Titel schneller gelesen würden als Sachbücher, die zudem oft nicht bis zum Ende gelesen würden. Die Schlussfolgerung: Sachbücher sollen kürzer werden. Die Reihe Nook Snaps wurde kreiert. 

M.E. keine großartig neue Erkenntnis, aber in diesem Fall wurden wohl allzu rasch Entscheidungen zum Nachteil des ausdauernden Sachbuchlesers getroffen. Sachbuch-Quiquies, da sich die Masse der Leser nicht länger als 30 Minuten auf ein Thema konzentrieren kann? Wäre es da nicht besser gewesen, die Frage nach einer sinnvollen Strukturierung von Fachliteratur zu stellen oder sich mit dem Schreibstil des jeweiligen Autors auseinanderzusetzen? Auf welche Sachbücher bezieht sich dieses Ergebnis, auf alle politischen Sachbücher, auf medizinische Sachbücher oder nur auf Sarrazins EURO-Buch? Es gibt mehr Menschen, die einem 3-Minuten-Clip auf VIVA folgen, als Menschen, die in die Oper gehen. Da es sich in beiden Fällen  um Musik handelt, hier die logische Schlussfolgerung: Wenn Oper, dann doch auf 3 Minuten kürzen, damit sich das "Stück" auch über alle Absatzkanäle vermarkten lässt.

Auch amazon sammelt Informationen über die Kindle-Nutzung. So können Anmerkungen, Lesezeichen, Notizen und Markierungen, die der Leser vornimmt, gespeichert werden. Das steht auch ausdrücklich so in der Lizenzvereinbarung und den Nutzungsbedingungen von Kindle.

Nutzungsanalyse via eBook-Lesegeräte bzw. Apps, um marktkonforme Bücher zu produzieren, und vor allem der Schulterblick beim privaten Lesen – das sind Dinge, bei denen einem nicht ganz wohl ist. Da müssen sich auch die Datenschützer und die Politik Gedanken machen. Wie gläsern darf der Leser denn bitteschön sein? Wo sind die rechtlichen Grenzen? 

Banal, aber erwähnenswert: Ob eBook oder gedrucktes Buch, es geht den Verlagen, auch den Literatur-Verlagen, ums Geschäft. Gibt es die Möglichkeit, den Konsumenten zu analysieren, dann bleibt am Ende, wenn die Buchhalter entscheiden, nur der Mainstream. Diese Gefahr ist nicht zu unterschätzen! Aber das Phänomen der Vampyrromane, um ein Beispiel zu nennen, gibt es nicht, weil man durch eine eBook-Nutzungsanalyse darauf gekommen wäre, sondern weil die gedruckten Bücher gekauft wurden. Autoren und Verlage bedienten und bedienen noch immer eine Nachfrage, die von den Lesern kam, oder? Man muss auch kein großer Prophet sein, um vorauszusagen, dass viele Autoren und Verlage nach dem wirklich zufälligen, nicht aufgrund von Konsumentenforschung zustande gekommenen Erfolg von "Fifty Shades of Grey" hier Profit wittern und bereits dabei sind, den Marktgang ähnlicher Werke vorzubereiten.

Trotz aller Bedenken hinsichtlich der Aufzeichnung und der Auswertung des Nutzungsverhaltens von Kindle-Kunden sollte man auch zugestehen, dass gerade amazon zahlreichen Autoren, die in der konventionellen Verlagswelt niemals veröffentlicht worden wären, über Kindle Direct Publishing eine Chance bietet. Ist diese Zweigleisigkeit die Lösung, um ein Gleichgewicht zwischen freier Kreativität und marktanalytischer Literaturproduktion zu erreichen? Vielleicht.

Und noch eines zum Schluss: Die Erforschung des Konsumentenverhaltens ist in allen Branchen und über alle Absatzkanäle hinweg üblich. Wer einen Internet-shop besucht, der wird genau analysiert. Wie lange bleibt er, was schaut er sich an, wo steigt er aus? Das gibt es auch physisch, nicht nur virtuell. In einigen Supermärkten wird der Kunde von Mitarbeitern "verfolgt". Diese Profiler fertigen  genaue Aufzeichnungen über sein Verhalten an, um die Ware künftig verkaufsoptimiert zu platzieren. Beim Fernsehen werden Einschaltquoten ermittelt – die erschreckenden Folgen kann man sich jeden Tag anschauen. Wo  wir als Konsument in Erscheinung treten, da ist auch einer, der unser Konsumverhalten analysieren will, um zukünftige Verkaufserfolge planen zu können.

Damit will ich sagen: Die Verlagsbranche zieht nur nach. Damit will ich aber nicht sagen: Das ist gut so. 


Sonntag, 8. Juli 2012

GASTBEITRAG von Martin Schmid: Rezension / Buchbesprechung DIE LEGION von Simon Scarrow

Zu allen Romanen 
von Simon Scarrow ... 
einfach auf die 
Abbildung klicken!
Im Jahre 42, im Zeitalter von Kaiser Claudius, tritt Cato in die Römische Armee ein und wird als Optio Stellvertreter des Centurio Macro in der Zweiten Legion. Macro ist Anfangs davon ganz und gar nicht begeistert. Doch die beiden ungleichen Männer raufen sich zusammen und werden Freunde. Während der Eroberung Britanniens (43-45) erleben die beiden römischen Legionäre allerlei Abenteuer. Sie kämpfen gegen die ‚Barbaren‘ des Landes oder decken Verschwörungen gegen den Kaiser auf. Im Verlauf dieser Abenteuer in Britannien steigt Cato aufgrund seiner Tapferkeit zudem zum Centurio auf.

Der blutrünstige Rebell Ajax tut alles in seiner Macht Stehende, um die Provinz Ägypten zu zerstören. Von Senator Sempronis bekommt Cato den Befehl, inzwischen zum Präfekten aufgestiegen, Ajax zur Strecke zu bringen. Der ehemalige Gladiator Ajax, der Sohn eines hingerichteten Seeräubers, wurde aus Kreta vertrieben und macht nun Ägypten unsicher. "Seine Überfälle auf Flottenstützpunkte und Handelsschiffe stellen eine Bedrohung für die Stabilität des römischen Imperiums dar, da sich seine Männer als Römer ausgeben und so den Hass der Bevölkerung auf die Besatzungsmacht schüren." (Zitiert aus der Kurzbeschreibung bei amazon) Ajax und seine Männer schließen sich der zahlmäßig größeren numibischen Armee von Prinz Talmis, die in Südägypten eingedrungen ist, und inzwischen nördlich von Ombos lagert, an.

Präfekt Cato und Centurio Macro werden von Caius Petronius, Statthalter Alexandrias und der Provinz Ägypten und Legat des Kaisers, damit beauftragt, sich der 22. Legion anzuschließen und Ajax das Handwerk zu legen.

Der Roman fängt schon zu Beginn sehr spannend an und kann diese Spannung bis zur letzten Seite auch durchhalten. Langeweile kommt dabei keine auf. Der Autor schafft es, dass man sich nicht nur in die Zeit des 1. Jahrhunderts zurückversetzt fühlt, sondern stellt die Kämpfe und Schlachten so bildlich und realistisch dar, dass man als Leser das Gefühl hat, diese hautnah mitzuerleben.

Alles in allem ist der Roman ein sehr spannender und atmosphärisch dichter historischer Abenteuerroman aus der Zeit des Römischen Reiches, den man ohne Wenn und Aber jeden Leser empfehlen kann, der gerne historische Romane bzw. historische Abenteuerromane liest oder lesen möchte.

Zum Autor: "Simon Scarrow wurde in Nigeria geboren und wuchs in England auf. Nach seinem Studium arbeitete er viele Jahre als Dozent für Geschichte an der Universität von Norfolk, eine Tätigkeit, die er aufgrund des großen Erfolgs seiner Romane nur widerwillig und aus Zeitgründen einstellen musste." (Zitiert aus den Angaben zum Autor bei amazon)

Scarrow, Simon
DIE LEGION
Wilhelm Heyne Verlag, Februar 2012
577 Seiten
ISBN 978-3-453-43620-6 Deutsche Erstausgabe
EUR 9,99 Taschenbuch

Die Originalausgabe „THE LEGION“ erschien 2010 bei Headline Publishing Group, London.

Martin Schmid, Freiburg im Juli 2012

Samstag, 7. Juli 2012

Buchbesprechung / Rezension zu Matthias Altenburg „Jan Seghers´ Geisterbahn. Tagebuch mit Toten“

Matthias Altenburg schreibt unter dem Pseudonym Jan Seghers Krimis. Sein Internettagebuch „Jan Seghers´ Geisterbahn - Tagebuch mit Toten“ ist im März 2012 bei Rowohlt als Buch erschienen. Das Buch umfasst die Tagebucheinträge vom 6. Januar 2006 bis zum 15. Juni 2011. Es gibt einen festen Rahmen zu jedem Eintrag: Jeder Tag beginnt mit der Uhrzeit- und Temperaturangabe sowie einem kurzen Wetterbericht. Am Schluss werden die Namen der Menschen genannt, die an diesem Tag starben.  Zahlreiche Fotos und einige Zeichnungen ergänzen die Texte. 

Im Mai 2012 gab Altenburg der Zeitung „Junge Welt“  ein Interview. Unter anderem wurde er gefragt, warum er eine leicht gekürzte Fassung seines Blogs in Buchform erscheinen lasse. Seine Antwort: „Ich bin wahnsinnig stolz darauf, dieses Buch in den Betrieb geschmuggelt zu haben. Jetzt ist es da, und man darf sich daran abarbeiten und damit seinen Spaß haben. Ein Buch ist ja viel geschlossener, schöner, sinnlicher als das Netz. Der Text bekommt hier eine ganz andere Wucht.“ (jungewelt.de)

Zwischen Wetterbericht und Nekrolog erwartet den Leser nahezu jeden Tag etwas Neues, etwas Überraschendes. Es ist eine erstaunliche Vielfalt der Interessen und der Gedankenwelt des Autors, die hier offenbar wird. Ganz egal, ob sich Altenburg mit dem Feuilleton der FAZ oder SZ, Berichten des Fernsehmagazins Kulturzeit, Schlagzeilen der Boulevardpresse, zufällig mitgehörten Dialogen an der Supermarktkasse oder Google-Recherchen auseinandersetzt, der Autor lässt aus diesen Puzzleteilen ein authentisches Bild des Zeitgeschehens entstehen. Mal werden Ereignisse und Nachrichten sehr persönlich kommentiert, insbesondere, wenn es sich um aktuelle politische Fragen dreht, mal referiert der Autor sie als neutraler Beobachter. Altenburg selbst sagt dazu: „Die täglichen Einträge sind ja ganz unterschiedlicher Natur. […] Manchmal sind es kleine Kuriositäten, seltsame Begegnungen, komische Geschichten, die ich notiere. Dann wieder zornige Einsprüche gegen die Zustände im Land, Kommentare zur politischen oder kulturellen Debatte. Das ist eine so große thematische und formale Offenheit, der ich ein wenig Halt geben wollte.“ (jungewelt.deUnd es ist genau diese Mischung aus kleinen und großen Gedanken, die den Leser neugierig macht.

Der Tagebuchschreiber scheut sich auch nicht, persönliche Antipathien deutlich auszudrücken. So schreibt er z.B. über Wolf Biermann: „Ein seit Jahrzehnten zu Kreuze Gekrochener, der noch mal seinen Auftritt als Rumpelstilzchen sucht. Sein größtes Unglück ist wahrscheinlich der Untergang der DDR. Seitdem wendet sich sein gesamter Eifer gegen etwas Nichtexistentes.“ (S.28) Oder ein anderes Beispiel: „Gestorben: Franz von Assisi (Vogelflüsterer), Woody Guthrie (Wanderarbeiter), Franz Josef Strauß (Schurke), Heinz Rühmann (Tankwart).“ (S.97) Ein Wort reicht aus, um alles zu sagen.

Altenburg ist ein passionierter Rennradfahrer und lässt den Leser an seinen Touren teilhaben, die ihn in die Wetterau oder den Main-Kinzig-Kreis führen. Auch erfahren wir, welche Bücher er liest, welche Eindrücke er von seinen Lesereisen hat, wie er recherchiert, welche Musik er hört und welchen Wein er gerne trinkt. 


Im Tagebuch selbst erfahren wir, dass sich der Autor der Öffentlichkeit seines Internet-Tagebuchs stets bewusst ist: „Ob man ein Tagebuch schreibt, insgeheim, für sich, oder ob man das hier macht, öffentlich, jeden Tag, ist halt doch ein Riesenunterschied. Man stellt sich dauernd unter Beobachtung. Noch dazu, ohne zu wissen, ob jemand wirklich hinguckt. Manchmal regt mich das richtig auf, der Gedanke, dass hier täglich ein paarhundert Leute so zum Gaffen vorbeikommen, immer wissen, was ich mache, was ich denke, was ich fühle, ohne zu reagieren. Sie sagen nichts, sie drehen wieder ab und denken sich ihren Teil. Ach was, egal. Ich rede wie ein Exhibitionist, der sich darüber beschwert, dass es Voyeure gibt.“ (S.39) Das stimmt so nicht ganz. Denn allzu Persönliches (Beziehungen, Krankheiten oder gar Todesfälle in seinem Umkreis)  deutet der Tagebuchverfasser nur an. Da wird er nie konkret, sondern bleibt vage. Im Zeitalter der hemmungslosen Enthüllungen äußerst wohltuend. Was er wirklich fühlt, bleibt sein Geheimnis. Zum anderen lässt sich  aus dieser Aussage schließen, dass das, was da so leichtfüßig, wie schnell dahingeschriebene Gedanken, daherkommt, wohlbedacht ist. Diese Fähigkeit, die Fiktion des Unreflektierten durchgängig und so perfekt zu inszenieren, stellt die schriftstellerische Professionalität des Verfassers unter Beweis. 

Zwar habe ich keine quantitative Erhebung gemacht, doch scheinen mir drei Sujets häufiger vorzukommen als andere: aktuelle und historische Kriminalfälle, NS-Verbrechen und NS-Täter sowie Stellungnahmen gegen neonazistische Tendenzen. Der Autor geht dabei schon mal sehr stark auf die grausamen Details ein.

Sprachlich ist diese thematische Mischung – vom Menschheitsverbrechen bis zu schlichten Alltagsbegebenheiten - so gut gelungen, dass man gespannt weiterliest. Und gerade da, wo Altenburg sehr pointiert und kompromisslos wird (er nennt es „seine zornigen Einsprüche“), regt er mit Sicherheit zum Nach- und Weiterdenken an.

Altenburg meint zur Welt und zum Internet: „99 Prozent dessen, was einem begegnet, ist Mist.“ (jungewelt.de) Die 99% decken sich nicht ganz mit meiner Erfahrung. Ich sage einfach mal: Schön, dass es das Internet gibt. Denn das Tagebuch endet nicht am 15. Juni 2011, sondern lebt weiter unter: http://www.janseghers.de/

Altenburg, Matthias
Jan Seghers’ Geisterbahn. Tagebuch mit Toten
Rowohlt Verlag 2012
416 Seiten
ISBN 978-3498000844
24,95 Euro

Vielen Dank an den Rowohlt Verlag für die freundliche Überlassung eines Rezensionsexemplars!

Freitag, 6. Juli 2012

GASTBEITRAG von Carsten Behrendt: Buchbesprechung / Rezension zu „iBoy“ von Kevin Brooks

Batman, Spider-Man, Superman und jetzt „iBoy“ von Kevin Brooks

Es gibt schon eine Menge Superhelden. Doch die Welt braucht ab und zu mal wieder einen Neuen. Jetzt wird die Riege der Superhelden ergänzt durch iBoy.

Eigentlich heißt der 16 jährige Junge mit Superkräften Tom Harvey, aber jeder Superheld braucht einen  Supernamen. Und da er seine Kräfte einem Zusammenstoß mit einem iPhone verdankt, liegt der Name auf der Hand. Nun der Reihe nach.

Tom wird durch ein aus dem 30. Stock geworfenen iPhone am Kopf getroffen. Das Gerät durchschlägt seine Schädeldecke, und Teile des iPhones verbinden sich mit seinem Gehirn. Als er aus dem Koma erwacht, ist sein Gehirn ständig mit dem Internet verbunden. Er kann sich in alle Netze und Systeme hacken, E-Mails lesen, Handy Gespräche mithören, Gespräche führen, Fotos machen Filme aufnehmen und Stromstöße, die seine Gegner außer Gefecht setzen, abgeben. Alles, was er braucht, ist Netzempfang, und er kann auf all diese Fähigkeiten zugreifen. Die Frage, die sich ihm nun stellt, ist, was man mit solchen neuen Fähigkeiten alles anstellen kann?

Rache ist ein Motiv seiner Handlungen als neugeborener Superheld. Er rächt sich an den Vergewaltigern seiner Schulfreundin und mischt die Gangs der Gegend auf. Das Ganze klingt natürlich mehr als ein Plot einer neuen Superhelden-Comic-Serie. Das könnte es natürlich auch sein, denn genügend Stoff dazu liefert diese Geschichte auch. Ich kann mir auch vorstellen, dass in ein paar Jahren die Geschichte als Comic-Serie erscheinen wird. Bis es soweit ist, muss man sich mit dem ca. 290 Seiten langen Buch begnügen. Das Buch bietet aber mehr als eine mögliche Comic-Vorlage, sonst wäre es nicht für den „Deutschen Jugendliteraturpreis“ nominiert.

„iBoy“ zeigt das harte Leben im Londoner Hochhaus-Getto, das von Gangs kontrolliert wird. Alle Bewohner halten dicht, weil sie Angst haben, ins Visier der Gangs zu geraten und das nächste Opfer zu werden. Deshalb werden auch die Vergewaltiger nicht festgenommen, da das Opfer sich nicht traut, auszusagen. Hier greift iBoy ein, und es beginnt eine durchaus spannende Geschichte begleitet von iBoys inneren Zwiegesprächen. Wie viel Recht darf er selbst in die Hand nehmen, darf er selbst Grenzen übertreten, um Kriminelle zu überführen?

Diese Zwiegespräche und die Schuldgefühle von iBoy sind in Superheldengeschichten auch nichts Neues. Man weiß ja, welche dunklen Gefühle und Gedanken Batman zu seinen Taten antreiben. Kevin Brooks schafft es, mit dieser Geschichte das Thema zeitgemäß und in einer jungendgerechten Schreibweise zu erzählen. Ich wage es aber zu bezweifeln, dass diese Tiefe bei den jungen Lesern wirklich ankommt. Die „Aktionen“-Szenen werden das sein, was bei den Lesern zunächst im Kopf hängen bleibt und Eindruck hinterlässt. Was würde man selbst mit solchen Fähigkeiten anfangen und an welchen ungeliebten Mitschülern würde man sich vielleicht rächen wollen. Das sind Fragen und Themen, die die jungen Leser vermutlich mehr beschäftigen. Trotzdem regt das Buch zu Diskussionen an und wird demnächst garantiert in einigen Schulen als Schullektüre auftauchen. Oder, für die Eltern hier, lest das Buch, bevor ihr es euren Kindern zu lesen gebt. Und man darf auch mal im Familienkreis über ein Buch reden.

Mein empfohlenes Lesealter liegt bei 13/14. Ob das Buch im Herbst den Preis gewinnt, steht noch in den Sternen. Ich vermute mal eher nicht. Aber nicht jedes gute Buch muss einen Preis gewinnen. Wer demnächst ein gutes Buchgeschenk braucht, mit iBoy liegt man nicht daneben. 


Brooks, Kevin
iBoy
DTV 2011
ISBN 342-324845-9
300 Seiten
Taschenbuch 13,90 EURO (auch als Hörbuch auf CD erhältlich)
 
Carsten Behrendt, Mülheim an der Ruhr, im Juli 2012

Mittwoch, 4. Juli 2012

EU-Kommission befragt Frankreich und Luxemburg. Werden eBooks teurer?

"Die Europäische Kommission hat ein Vertragsverletzungsverfahren gegen Frankreich und Luxemburg eingeleitet, da diese Länder für digitale Bücher ermäßigte Mehrwertsteuersätze anwenden, die unter Umständen nicht mit dem EU-Recht vereinbar sind. [...]
Frankreich und Luxemburg haben [...] entschieden, ab 1. Januar 2012 für E-Books ermäßigte Mehrwertsteuersätze anzuwenden, und verstoßen damit gegen das EU-Recht. Diese ermäßigten Mehrwertsteuersätze betragen 7 % in Frankreich und 3 % in Luxemburg. [...]
Die Kommission ist der Ansicht, dass diese Bestimmungen gegen das EU-Recht verstoßen, und hat entschieden, beiden Mitgliedstaaten ein Aufforderungsschreiben zu übermitteln. Dieser erste Schritt soll beiden Ländern Gelegenheit zur Stellungnahme geben. Frankreich und Luxemburg werden aufgefordert, sich innerhalb eines Monats zu äußern. Falls die vorgebrachten Argumente als nicht ausreichend erachtet werden, kann die Kommission den Verstoß formal feststellen und beide Länder in einer mit Gründen versehenen Stellungnahme, der zweiten Stufe des Vertragsverletzungsverfahrens, auffordern, ihre Rechtsvorschriften zu ändern." (Zitiert aus der Pressemitteilung der EU-Kommission)
Das könnte bedeuten, dass amazon die Preise für eBooks bald anheben muss. Denn amazon legt in Europa den luxemburgischen Mehrwertsteuersatz von nur 3 % zugrunde und betreibt seinen shop von Luxemburg aus: Amazon EU S.a.r.l., 5, Rue Plaetis - 2338 Luxemburg.

Dienstag, 3. Juli 2012

Geboren am 3. Juli 1883: Franz Kafka

Wer kennt seine Romane "Der Prozess“ (1914) oder "Das Schloss“ (1921) und vor allem seine Erzählung "Die Verwandlung" (1912) eigentlich nicht? Heute zählt Franz Kafka, der am 3. Juli 1863 geboren wurde, zu den Klassikern der Weltliteratur.
Als Kindle eBook gratis lesen  ...


"Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt. Er lag auf seinem panzerartig harten Rücken und sah, wenn er den Kopf ein wenig hob, seinen gewölbten, braunen, von bogenförmigen Versteifungen geteilten Bauch, auf dessen Höhe sich die Bettdecke, zum gänzlichen Niedergleiten bereit, kaum noch erhalten konnte. Seine vielen, im Vergleich zu seinem sonstigen Umfang kläglich dünnen Beine flimmerten ihm hilflos vor den Augen." (Kapitel 1, Die Verwandlung, Volltext bei Projekt Gutenberg)
Quellen und weiterführende Informationen:

Montag, 2. Juli 2012

GASTBEITRAG von Martin Schmid: Rezension / Buchbesprechung Der Wanderer von Bernhard Cornwell

Thomas von Hookton hat die Schlachten in Frankreich überlebt. Nun wird er, mitten im Hundertjährigen Krieg, vom englischen König Edward II. auf die Suche nach dem Heiligen Gral geschickt, in dessen Besitz zuletzt angeblich sein Vater war. Das Buch beginnt in Nordengland mit der Schlacht bei Neville`s Cross bei Durham. Die Schlacht, bei der eine große schottische Armee auf eine kleine englische Truppe, die eilends vom Erzbischof von York und den Fürsten des Nordens zusammengestellt wurde, traf, endete mit einer katastrophalen Niederlage der Schotten. Thomas kämpfte auf Seiten der englischen Truppe als Bogenschütze. Der schottische König David II wurde, wie in „Der Wanderer“ beschrieben, gefangen genommen.


Danach kehrt Thomas über Hookton in die Normandie nach Frankreich zurück. Thomas ist allerdings nicht nur der mächtigsten Reliquie der Menschheit auf der Spur, sondern auch seiner Familiengeschichte. Zwischen den Ruinen seines Heimatortes entdeckt Thomas ein Buch seines Vaters. Könnte das der Schlüssel zum Gral sein? Die Suche führt ihn zurück nach Frankreich, wo er nach gefährlichen Abenteuern schließlich seinem Erzfeind, Cousin Guy Vexille, dem Schwarzen Ritter, gegenüber tritt.

Unterwegs trifft Thomas auf neue Freunde, wie z. B. den Ihn begleitenden Schotten Robbie Douglas, den von seinem Lehnsherrn vertriebenen französischen Adligen d’ Evecque, und auch auf neue Feinde, wie den verarmten und skrupellosen englischen Adligen Sir Geoffrey Carr mit dem Spitznamen Vogelscheuche und den französischen Dominikanerpater de Taillebourg. Grausam und brutal schrecken die dunklen Gestalten vor nichts zurück, um durch Thomas an den Gral zu gelangen.

Das Buch ist randvoll mit tollen Figuren, aufregenden Szenen und unerwarteten Wendungen um Krieg, Folter, Liebe, Lust und Verlust. Es endet nach der Schlacht um La Roche-Derrien in der Bretagne. Hier trifft die Übermacht von Charles de Blois, Neffe des französischen Königs und Anwärter auf die Herzogskrone der Bretagne, auf eine kleinere englische Armee. Thomas trifft hier erneut auf seinen Erzfeind, den schwarzen Ritter.

Der historische Roman zählt meiner Meinung nach zu den Top-10-Prozent der historischen Romane, die ich bisher gelesen habe.

Bernhard Cornwell hat bisher u. a. Werke wie die Uhtred-Serie und die Artus-Chroniken verfasst. Seine Werke wurden in über 20 Sprachen übersetzt – Gesamtauflage mehr als 20 Millionen.

Cornwell,  Bernhard
Die Bücher vom Heiligen Gral. Der Wanderer
Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, Mai 2012
544 Seiten
ISBN 978-3-499-25834-3
EUR 9,99 Taschenbuch

Die Originalausgabe erschien 2002 unter dem Titel „Vagabond“ bei HarperCollins, London.

Martin Schmid,  Freiburg 1.Juli 2012